
One on One
ONE ON ONE mit Andjelka Badnjar
In dieser Folge von ONE ON ONE spricht die Kuratorin und Architektin Andjelka Badnjar über die Installation Glass (Black) Box, welche in der Ausstellung CONVIVIUM. Nahrungssysteme am Limit (23. April–18. Oktober 2026) im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist.
Video: Katalog Film
Modell "The Glass (Black) Box" von Adam Scales and Laurens Kistemaker
Entwickelt in Zusammenarbeit mit VÍCTOR MUÑOZ SANZ, GENT SHEHU, GRACE ABOU JAOUDE der TU Delft
Klima als Dienstleistung
Das übliche Darstellungsmuster in Bezug auf die Nachhaltigkeit der niederländischen Landwirtschaft in kontrollierter Umgebung (Controlled Environment Agriculture, CEA), insbesondere des Gewächshausanbaus, präsentiert diese oft
als innovative und zuverlässige Lösung für die zukünftige Lebensmittelproduktion. Dieses von Städten, Agrartechnologieunternehmen und anderen Akteuren verbreitete Narrativ suggeriert, dass Hightech-Gewächshäuser klimatische und geografische Einschränkungen überwinden und einen transformativen Wandel des Lebensmittelanbaus vorantreiben können. CEA wird häufig als nachhaltige Lösung für die globale Ernährungsunsicherheit positioniert, da sie angeblich CO₂Emissionen, Energie- und Wasserverbrauch sowie den Einsatz von Pestiziden reduziert und gleichzeitig die Ertragseffizienz steigert. Die technologieintensiven Systeme werden als Wege zu optimaler Leistung,
verbesserter Entscheidungsfindung und Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel und der Instabilität des Arbeitsmarktes dargestellt. Die Integration von Automatisierungstechnologien zur Steuerung des Innenraumklimas wird darüber hinaus als Möglichkeit gepriesen, mit den Unvorhersehbarkeiten der natürlichen Umwelt umzugehen und die Kontinuität der Kapitalreproduktion sicherzustellen.
Die Architektur des niederländischen Gartenbaus in kontrollierter Umgebung
Angesichts der zahlreichen Innovationen und der Expertise werden niederländische Lösungen für das Innenraumklima in neue geografische Kontexte exportiert und an die lokalen Gegebenheiten angepasst, um diese angeblich bei der
Sicherung nachhaltiger Formen der Lebensmittelproduktion zu unterstützen. Das über Jahrhunderte hinweg in der niederländischen Gartenbaupraxis entwickelte und durch aufeinanderfolgende politische, wirtschaftliche und ökologische Krisen verfeinerte integrierte Hardware-Software-Orgware-System wird nun international im Rahmen des Modells „Klima als Dienstleistung“ angeboten. Unter diesem Paradigma können die Empfängerländer einzelne Komponenten – physische Infrastruktur, digitale Klimasteuerungsplattformen oder organisatorisches Fachwissen – erwerben, entscheiden sich jedoch zunehmend für das vollständig integrierte Paket, das kontrollierte Umgebungen der Lebensmittelproduktion von ihrem unmittelbaren Umfeld entkoppelt. Lösungen für das Raumklima werden reproduziert und über verschiedene geografische Kontexte hinweg verbreitet – als eine Dienstleistung, die nicht nur die Lebensmittelproduktion ankurbelt, sondern auch die „Natur“ unterwirft. Tatsächlich führen diese Dienstleistungen zu räumlichen Fixierungen, unterstützen und produzieren diese und tragen zu neuen Geografien „künstlich geschaffener“ und kontrollierter Umgebungen für die Lebensmittelproduktion bei.
Über die Ausstellung
Die sichere und gerechte Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrung hängt von einem System globaler Netzwerke ab: Bäuer:innen, Fischer:innen, Züchter:innen, Händler:innen, Transportunternehmen, Märkte und industrielle Verarbeitungsbetriebe produzieren und vertreiben nicht nur das, was für die menschliche Ernährung notwendig ist. Sie werden durch die kapitalistische Wachstumslogik motiviert, immer mehr Produkte zu produzieren, die durch Überkonsum zu falscher Ernährung und zu einer massiven Verschwendung von Nahrungsmitteln führen. Doch dieses System kommt durch Klimaerwärmung, politische und ökonomische Faktoren immer mehr an seine Grenzen. Viele Meere sind bereits überfischt, fruchtbare Ackerböden werden überbaut oder erodieren und ganze Landstriche verwüsten, weil es nicht genug Regen gibt. Zugleich trägt die Nahrungsproduktion selbst durch den wachsenden Co2-Ausstoss massiv zum Klimawandel bei – ein Teufelskreis, der immer sichtbarer wird. Kaum ein Land der Erde kann seine Bevölkerung noch aus eigenen Ressourcen ernähren.
Die Ausstellung untersucht die Bedeutung klimatisierter Umgebungen und unterstreicht ihre Abhängigkeit von „mehr-als-menschlichen“ (Rutherford u. Marvin 2025) Elementen zur Aufrechterhaltung der Lebensmittelproduktion. Visionen und Behauptungen zur Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit werden weiter hinterfragt, um die Prozesse, soziotechnischen Systeme und Materialien aufzudecken, auf denen diese Narrative beruhen.











